Geschichte

11. - 20. Jahrhundert

Jüdische Geschichte im mitteldeutschen Raum – Naumburg, Zeitz und Weißenfels im historischen Kontext

Die Entwicklung der jüdischen Gemeinden in Naumburg, Zeitz und Weißenfels lässt sich nur im Rahmen der großen Linien der deutschen und europäischen Geschichte verstehen: Christianisierung und Kreuzzugsideologie, spätmittelalterliche Stadt‑ und Territorialbildung, frühneuzeitlicher Absolutismus, Aufklärung und Emanzipation, Nationalstaatsbildung sowie die Radikalisierung des modernen Antisemitismus bis zur Shoah.

Im Hoch‑ und Spätmittelalter entstehen in allen drei Städten erste jüdische Gemeinden im Zuge der Urbanisierung und des Ausbaus von Fernhandel und Kreditwirtschaft. Juden werden von Landesherren als Steuerquelle und Kreditgeber gebraucht, zugleich aber theologisch stigmatisiert und rechtlich als „Fremde“ markiert. Die Naumburger Jüdengasse mit Synagoge und Mikwe, die Zeitzer Judengasse und die Weißenfelser „Judenschule“ der Familie Schalam entsprechen diesem Muster: wirtschaftlich nützliche, rechtlich abhängige Minderheiten, räumlich konzentriert und in städtische Ökonomien eingebunden. Die Pestverfolgungen um 1348/49, lokale Pogrome und die spätmittelalterlichen Ausweisungen – in Naumburg 1494, in Zeitz und Weißenfels ähnlich – spiegeln die Krisen dieser Ordnung: In Zeiten sozialer und religiöser Spannungen werden Juden als Sündenböcke instrumentalisiert, während Städte und Fürsten ihren Besitz einziehen und sich von Schulden befreien.

In der Frühen Neuzeit verschiebt sich der Schwerpunkt jüdischen Lebens stärker in Hofnähe und in größere Handelszentren. Die Hofjuden von Weißenfels – Heynemann, Levi, Zacharias – stehen exemplarisch für die Funktion jüdischer Finanziers im absolutistischen System: Sie sichern kurzfristig die Liquidität verschuldeter Territorien, beschaffen Luxusgüter und Heereslieferungen, bleiben aber dauerhaft von der Gunst einzelner Fürsten abhängig. Ihre auf Privilegien beruhende Stellung zeigt, dass Juden zwar ökonomisch unentbehrlich, politisch aber nicht integriert sind; mit der Verdichtung frühmoderner Staaten werden diese Sonderpositionen durch restriktive Mandate (Weißenfels 1746) begrenzt. Gleichzeitig verschiebt sich die jüdische Bevölkerungsbasis in Ostmitteleuropa; im mitteldeutschen Raum bleiben nur kleine, punktuell verteilte Gruppen.

Die Wende kommt im langen 19. Jahrhundert mit Aufklärung, Französischer Revolution und den sich ausbreitenden Emanzipationsgesetzgebungen. Preußische Edikte, die Abschaffung vieler ständischer Schranken und die Entstehung bürgerlicher Rechtsordnungen eröffnen Juden neue Wege in Wirtschaft, Bildung und Berufe – wenn auch unter weiterhin widersprüchlichen Bedingungen. In diesem Kontext entstehen in Naumburg, Zeitz und Weißenfels wieder dauerhafte Gemeinden: kleine Minderheiten im Gefüge wachsender, industrialisierter Städte. Die Zahlen – von wenigen Dutzend in der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu etwa 90–150 Personen in Zeitz und über 130 in Weißenfels um 1925, während Naumburg stets deutlich kleiner bleibt – spiegeln die Rolle von Juden als Teil des aufstrebenden städtischen Bürgertums: Kaufleute, Fabrikanten, Rechtsanwälte, Ärzte. Synagogenneubauten – wie die Weißenfelser Synagoge von 1911/12 – und Friedhofsanlagen dokumentieren den Anspruch, als gleichberechtigte Religionsgemeinschaft in der lokalen Öffentlichkeit präsent zu sein.

Parallel dazu entstehen jedoch neue Formen des Antisemitismus, die nicht mehr primär religiös, sondern nationalistisch, sozialdarwinistisch und rassistisch argumentieren. In den wirtschaftlichen und politischen Krisen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts – Gründerkrach, Imperialismus, Erster Weltkrieg, Inflation, Weltwirtschaftskrise – werden jüdische Bürger erneut als Projektionsflächen für soziale Ängste und Verschwörungsvorstellungen genutzt. Dies bereitet den Boden dafür, dass die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 in Naumburg, Zeitz, Weißenfels und dem Umland nicht im luftleeren Raum erfolgt: Boykottaufrufe, „Arisierung“, Berufsverbote und schließlich Pogromgewalt knüpfen an vorhandene Ressentiments und Diskurse an, radikalisieren sie jedoch zu einem staatlich organisierten Vernichtungsprogramm.

Die Ereignisse der Jahre 1933–1945 – von den lokalen Boykotten, der systematischen Enteignung und dem Abriss institutioneller Strukturen (Synagogen, Vereine, Schulen) bis zu Deportation und Mord – sind Teil der reichsweiten Umsetzung der „Endlösung“. Die Ausschreitungen gegen die Zeitzer und Weißenfelser Juden, die Entweihung der Weißenfelser Synagoge, die Verfolgung der Familie Hirschberg in Hohenmölsen oder die Zwangsarbeit ungarischer Juden im Außenlager Rehmsdorf zeigen, wie tief der NS‑Terror in die regionale Alltagswelt eindrang. Alle drei Gemeinden – Naumburg, Zeitz, Weißenfels – werden ausgelöscht; seit 1945 existieren dort keine organisierten jüdischen Gemeinschaften mehr.

Der Nachkriegs‑ und Erinnerungskontext ist wiederum durch die politischen Brüche des 20. Jahrhunderts geprägt: Aufarbeitung unter den Bedingungen der SBZ/DDR, Wiederentdeckung jüdischer Geschichte seit den 1980er/90er Jahren, neue Formen kommunaler Erinnerungskultur nach 1990. Gedenktafeln an ehemaligen Synagogenstandorten, restaurierte Friedhöfe, Stolpersteine und Bildungsprojekte – etwa in Weißenfels, Zeitz und Naumburg – stellen die lokalen Mikrogeschichten in den Zusammenhang der europäischen Geschichte von Diaspora, Emanzipation und Shoah. Dadurch werden die drei Städte zu exemplarischen Standorten, an denen sich die großen Linien deutsch‑jüdischer Geschichte – vom mittelalterlichen „Schutzjuden“ über den bürgerlichen Staatsbürger bis zum Entrechteten und Ermordeten – im Kleinen nachvollziehen lassen.

Simon Rau (1901-1972)

Simon Rau wurde als jüngstes von vier Kindern in Hirschaid (Bayern) geboren. Seine Eltern Lina (1865-1930) und Abraham Rau (1863-1928) wohnten im sogenannten Lehrerhaus der israelitischen Gemeinde in Hirschaid. Vater Abraham war als Lehrer und Vorsänger tätig. 

Ende der 1920er zog Simon mit seiner Frau Beate (geb. Schloß, 08.04.1904) nach Weißenfels, wo er eine Stelle als Religionslehrer und Prediger in der israelitischen Gemeinde antrat. Er war der Nachfolger von Nathan Hess.
Simon Rau wohnte mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn Erich (geb. 25.09.1929) in der Nordstraße 14. Die Wohnung der Familie grenzte an die im Hinterhof befindliche Synagoge. Eine Tür verband das Schlafzimmer direkt mit der Synagoge. Vor der Geburt der Tochter Lore am 14.4.1936 zog die Familie in ein Mehrfamilienhaus in der Merseburger Straße. 45.

Simon setzte sich für seine Gemeindemitglieder ein. Er tröstete Familien und half vielen jüdischen Kindern bei der Ausreise aus Nazi-Deutschland. In der Reichsprogromnacht am 09./10.11.1938 wurde er verhaftet und in das KZ Buchenwald überführt. 

Seine Frau Beate kämpfte um die Freilassung ihres Mannes. Am Abend des 16.12.1938 wurde Simon nach Vorlage eines Nachweises, der die Ausreise in ein anderes Land bestätigt, aus dem KZ entlassen.
Nach ihrer Enteignung im März 1939 musste Familie Rau im Mai die Wohnung in der Merseburger Straße
49 verlassen. Sie zog nach Leipzig, wo Simon an einer jüdischen Schule unterrichtete. Simons ältere Schwester Amalia Strauß war bereits 1938 mit ihrem Mann in die USA ausgewandert. Sie kümmerte sich um eine Einreiseerlaubnis der Familie Rau ins Land.

Am 15. November 1939 erhielt die Familie die deutschen Sichtvermerke für die zwangsweise Ausreise. Zwei Tage später traf das Quota Immigration Visa ein.
Ausgestattet mit einem Koffer und 10 Reichsmark pro Person machten sie sich auf den Weg in die Niederlande. Auf dem Schiff Volendam verließen sie am 16.12.1939 Europa und trafen am 30.12.1939 in New York ein.

Im Koffer der Familie Rau befand sich eine Thorarolle, die Simon aus der Synagoge in Weißenfels gerettet hatte.

Gedenkbuch der ehemaligen jüdischen Gemeinden

Weißenfelser Opfer der Shoah 1933-1945

Siegmund Bachmann

Selma Beyersbach

Simon Birnbach

Sara Birnbach

Susi Birnbach

Julie Büttner, geb. Schlesinger

Selma Fiedler, geb. Engel

Ephraim Flamm

Hermine Flamm, geb. Fleischer

Julius Fleischer

Marie Fleischer, geb.Kohn

Isaak Fränkel

Fritz Julius Friedländer

Frieda Heynemann, geb. Cohn

Max Hirschberg

Jenny Hirsch, geb. Daniel

Jacob Hofmann

Rosa Hofmann

Anny Joske

Emil Kamm

Erich Kamm

Günther Kamm

Herbert Kamm

Rosa Kamm

Ruth Kamm

Selma Kamm

Clara Bertha Kariel, geb. Cohn

Lina Karlick

Karl Kessler

Louis Kessler

Martha Kessler

Hedda Krause

Ruth Karoline Krause

Jenny Lewinsohn, geb. Sepselon

Julius Lewinsohn

Johanna Löschgold, geb. Zuckerberg

Rosa Markus, geb. Zotstein

Emma Esther Mendelsohn, geb. Bachmann

Hans Joachim Mendelsohn

Magarethe Meyerstein, geb. Joske

Rosa C. Mire

Salomon Mire

Karl Mohr

Emma Murr, geb. Engel

Rudolf Murr

Ida Ott, geb. Zotstein

Gertrud Reyersbach, geb. Gumpel

Siegfried Reyersbach

Walter Scheyer

Arthur Schloß

Hannchen Schloß

Bertha Schönland, geb. Hirschberg

Erna Schultz, geb. Baron

Berta Sternreich

David Sternreich

Sophie Sternreich

Hans Tasselkraut

Siegmund Weinstein

Berek Sisel Weksler

Regina Weksler, geb. Liebermann

David Isaak Weksler

Julius Werner

Bernd Wolfson

Lotte Zotstein

Berthold Zuckerberg

Naumburger OPFER DER SHOAH 1933-1945

Ernst Berwin

Heinrich Buchsbaum

Eva Gross geb. Grossmann

Josef Gross

Josef Salomon Gross

Annemarie Gutkind

Gustav Gutkind

Margarete Grüß

Johannes Ernst Ludwig Hollaender

Peter Hollaender

 

Fritz Jonas

Lotte Laura Jonas

Kurt Kaiser-Blüth

Elly Landsberger geb. Mockrauer

Sally Lazarus

Rudolf Fritz Ferdinand Müller

Heinz Kurt Peller

Max Peller

Artur Samter

zeitzer OPFER DER SHOAH 1933-1945

Margarete  Bernstein

Ernst Berwin

Johanna Blumenthal

Sally Blumenthal

 Margarethe Bütow

Ignatz Byck

Elsa Fitzau

Hans Flatow

Gustav  Flörsheim

Hilda Flörsheim

Ingeborg Flörsheim

Siegfried Heymann Fürst

Hedwig Erika Gerick

Hermann Grünebaum

Max  Grünpeter

Semi Katz

Sofie Katz

Max  Kirmße

Ernst Krause

Frieda Lefmann

Karl Leschziner

Curt  Lewin

Siegfried Lichtenstein

Alfred Lippmann

Arthur Artur Lippmann

Betti Lippmann

Hans Felix Lippmann

Hugo Marcus

Bertha Peß Mendelsohn

Siegfried Mendelsohn

Lina Nathan

Hersz Leizer Roth

 Benno Schächter

Feige Schächter

Hella Schächter

Herbert  Sobersky

Jenny Sobersky

Moritz Victor

Friedel Weinberg

Simon Zacharias

Die Namen stammen aus dem Online-„Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945“ des Bundesarchivs; die dort verzeichneten Personen wurden in den genannten Städten geboren oder hatten dort ihren ersten oder zweiten Wohnsitz.