die ehemalige Synagoge
Nordstraße 14
Baugeschichte, Raumgestalt und Gemeindeleben
Die ehemalige Synagoge in Weißenfels (Nordstraße 14, Hinterhaus) stellt ein bauliches und kulturhistorisches Zeugnis jüdischen Gemeindelebens im frühen 20. Jahrhundert in einer mitteldeutschen Kleinstadt dar. Das Gebäude wurde 1911/12 im Auftrag der israelitischen Gemeinde als Versammlungs‑ und Gebetsraum errichtet und erfüllte diese Funktion bis zum Novemberpogrom 1938. Nach zeitgenössischen Bevölkerungsangaben lebten 1911 in Weißenfels 103 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner, was einem Anteil von rund 0,3 Prozent an der Gesamtbevölkerung entsprach.
Zerstörung und Nachnutzung
Im Kontext des Novemberpogroms vom 9./10. November 1938 wurde die Synagoge zwangsweise geschlossen. Die gewaltsame Inbesitznahme hinterließ materielle Spuren, die bis heute am Gebäude ablesbar sind: Die Fenster wurden mit Teer beschmiert; die entsprechenden Rückstände an den Fensterleibungen haben sich erhalten. In der Folgezeit wurde der Innenraum verwüstet und geplündert. Nach 1945 erfuhr das Gebäude verschiedene profane Umnutzungen – darunter als Werkstatt der örtlichen Wasserwirtschaft –, in deren Verlauf originale Bauelemente, namentlich Fenster und Türen, ausgebaut und unwiederbringlich verloren gingen. Gegenwärtig steht das Gebäude leer; es ist als Kulturdenkmal im Denkmalverzeichnis des Landes Sachsen‑Anhalt eingetragen.
Architektur und Raumgestaltung
Zeitgenössische Presseberichte, die anlässlich der Einweihung 1912 erschienen, dokumentieren wesentliche Züge der ursprünglichen Raumgestalt und erlauben eine Rekonstruktion des Erscheinungsbildes. Demnach führte der Zugang zur Synagoge durch eine gärtnerisch gestaltete Anlage; im Inneren erschloss ein Garderobenraum den eigentlichen Gebetsraum. Die Synagoge selbst war als großer rechteckiger Saal konzipiert, der von den Zeitgenossen als freundlich und lichtdurchflutet wahrgenommen wurde. Große Spitzbogenfenster sowie ein Oberlichtfenster sorgten für den Tageslichteinfall; für die Abendbeleuchtung waren elektrische Lampen installiert, die die dekorativen Wand‑ und Deckenmalereien wirkungsvoll in Szene setzten.
Das Raumgefüge war durch eine umlaufende Kassettendecke, ornamentale Wandfriese sowie qualitätvoll ausgeführte Holzeinbauten – Gestühl, Emporen und Klapptische – geprägt, die ein formal einheitliches Interieur bildeten. Im Ostteil des Saales befand sich eine nach Osten orientierte Nische mit dem Toraschrein (Aron ha-Qodesch), der von einem kostbaren Vorhang (Parochet) verhüllt war; darüber hielten zwei Löwenfiguren die Gesetzestafeln. Eine Estrade erhob sich über dem Hauptraum und nahm sowohl das Pult des Vorbeters (Bima) als auch den erhöhten Sitz des Gemeindevorstandes auf.
Räumliche und funktionale Einbettung
Das Synagogengebäude im Hinterhaus war durch eine direkte interne Verbindung mit dem Vorderhaus verknüpft, in dem der Religionslehrer und Prediger Simon Rau seine Dienstwohnung innehatte. Diese bauliche Verschränkung von liturgischem Raum und Wohnstätte des Gemeindebediensteten verweist auf die enge institutionelle und personale Verflechtung, die das religiöse und soziale Leben der Gemeinde strukturierte.
Gemeindeleben in der Weimarer Republik
In der Weimarer Republik und den frühen 1930er‑Jahren entfaltete die jüdische Gemeinde Weißenfels ein vielfältiges Vereins‑ und Bildungsleben. Eine zionistische Ortsgruppe organisierte Vortrags‑ und Kulturveranstaltungen, führte Kollekten zu Rosch ha‑Schana durch und bot Kurse an, die junge Menschen auf eine mögliche Emigration nach Palästina vorbereiteten. Darüber hinaus fungierte die Gemeinde als Gastgeberin überregionaler Veranstaltungen: So wurde 1934 in der Weißenfelser Synagoge das 50‑jährige Gründungsjubiläum des Lehrervereins der jüdischen Religionsgesellschaft im Regierungsbezirk Merseburg mit einem Festgottesdienst, einer Feierstunde und einem gemeinschaftlichen Mahl begangen.
Historische Einordnung
Die Weißenfelser Synagoge exemplifiziert in mehrfacher Hinsicht die Entwicklung jüdischer Gemeinden im deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik: den Bau repräsentativer Gotteshäuser als Ausdruck bürgerlicher Emanzipation und konfessioneller Selbstbehauptung, die Kontinuität eines aktiven Gemeindelebens unter den Bedingungen der Weimarer Demokratie sowie die systematische Verfolgung, Vertreibung und physische Vernichtung der Gemeindemitglieder im Nationalsozialismus. Der nachkriegszeitliche Verlust durch Zweckentfremdung und bauliche Vernachlässigung bildet eine weitere Schicht dieser Geschichte.
Zugleich kommt dem Gebäude eine besondere denkmalpflegerische Bedeutung zu: Die ehemalige Synagoge gehört zu den wenigen Sakralbauten jüdischer Gemeinden im Süden Sachsen-Anhalts, die den Novemberpogrom 1938 und die nachfolgende NS-Verfolgung als Bausubstanz überstanden haben. Allerdings blieb das Gebäude von der nationalsozialistischen Gewalt nicht unberührt: Der Innenraum wurde verwüstet und geplündert, die originale liturgische Ausstattung weitgehend vernichtet. Was erhalten blieb, ist die äußere Hülle – ein stummes, aber unübersehbares Zeugnis jüdischer Religionsgeschichte in einer Region, in der die meisten vergleichbaren Bauten vollständig zerstört wurden.
Die Mitglieder der Gemeinde – ihre Familien und Nachkommen – wurden ermordet, zur Emigration gezwungen oder in die Diaspora vertrieben. Die ehemalige Synagoge ist heute ein zentraler Erinnerungsort an die jüdische Gemeinde von Weißenfels und an das ihr zugefügte Unrecht.
Dieses Bild ist das Älteste, welches wir von der ehemaligen Synagoge haben. Vermutlich ist es in den 1960er-Jahren entstanden. Deutlich zu erkennen: die fehlenden Spitzbogenfenster. Ursprünglich waren diese mit Bleiglas versehen. Nach einem Foto der Synagoge im ursprünglichen Zustand suchen wir seit 2008. Leider hatten wir bisher keinen Erfolg.
Update 2021: Die Sicherung des Gebäudes
Seit Jahren verschlechtert sich der Zustand der ehemaligen Synagoge zunehmend. In einem ersten Arbeitseinsatz im Oktober 2021 wurde deswegen begonnen, das Gebäude zu sichern. Dank der Hilfe von Unterstützer*innen aus Weißenfels, Halle, Leipzig, Berlin und Trenton (New Jersey) wurden Decken mit Stützpfeilern gesichert, eine neue Tür eingesetzt, Schutt aus den Räumlichkeiten entfernt und das Gebäude vom Efeu befreit, der seit Jahren an den Außenwänden wucherte.
Zudem wurde ein überraschender Fund gemacht: Ein Zeitzeuge berichtete vor vielen Jahren, dass es eine Art Himmel in der 1912 erbauten Synagoge gegeben haben soll. Dieser soll mit Sternen verziert gewesen sein. Im Rahmen der Bauarbeiten wurde dieser Himmel gefunden: eine Art Lichtkuppel in blau mit goldfarbenen Sternen (Magen David) und einer Festverglasung. Diese Lichtkuppel ist eines der wenigen Artefakte, die bis heute überstanden haben.
Eine fachgerechte Bergung muss nun schnellstmöglich organisiert werden.

